Aktuell
Ein Brief vom 17.09.2001 unter dem Eindruck des Anschlags vom 11.09.2001
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Außenminister!
Mit
dem Entsetzen und Mitgefühl für die Opfer der Attacke auf das World
Trade Center in New York und deren Angehörige verbindet sich die
Erkenntnis, daß alle Vorstellungen von einer „Festung Europa“ oder
„Festung Amerika“ abgrundtief naiv sind. Auch noch so weitgehende
Einschränkungen von Bürgerrechten und ausgefeilte
Überwachungsmaßnahmen, wie sie nach dem Anschlag die
Sicherheitsdebatten beherrschen, werden weitere Terroranschläge nicht
verhindern, wenn dem Terror nicht politisch der Boden entzogen wird. Es
gibt keine 1., 2. und 3. oder 4. Welt. Wir Menschen leben in
unterschiedlichen Staatswesen aber in
einer Welt.
Hinter
dem Terror stehen Fanatiker, die das komplexe Gefüge
weltwirtschaftlicher und interkultureller Abhängigkeiten auf einen für
sie einfachen Nenner von Gut und Böse bringen wollen; denen im Kampf
für ihre Vorstellung von dem was Gut sei, jedes Mittel recht ist.
Gerade die letzten Jahrzehnte waren bestimmt durch intensive
diplomatische Bemühungen um eine neue Qualität des Ausgleichs in
weltpolitischen Beziehungen. Die Ausrufung des Kriegszustandes und der
Ruf nach Rache und Vergeltung als Reaktion auf den schrecklichen
Terroranschlag in New York läuft Gefahr, sich auf das Niveau der
einfachen Weltbilder der Täter herabziehen zu lassen.
Europa
ist über einen historisch nie dagewesenen Zeitraum von mehr als 50
Jahren befriedet, weil Entscheidungsträger der beteiligten Länder eine
Politik des ökonomischen Interessenausgleichs und des kulturellen
Austauschs verfolgten und sich von der Strategie des „Auge um Auge und
Zahn um Zahn“ in den zwischenstaatlichen Konfliktfeldern verabschiedet
haben. Diese Politik des Ausgleichs auch im internationalen Maßstab ist
durch die Attacke auf das World Trade Center nicht diskreditiert
worden. Vielmehr hat sich die Bundesregierung gerade in den letzten
Jahren durch ihren Einsatz für eine Politik des Ausgleichs
internationales Ansehen und Vertrauen erworben.
Aufstrebender
Nationalismus in vielen Teilen der Welt, auch in Teilen Europas ist
Ausdruck ökonomischer Ungleichheiten in vielen Staatswesen, in denen
die demokratische Kultur und die individuellen Menschenrechte von
akuellen Machthabern mißachtet wurden oder werden. Nationalismus und
Fanatismus werden von den Machthabern eingesetzt, um die Bevölkerung
trotz großen ökonomischen Elends nach innen hin ruhig zu stellen. Die
daraus wachsende Bereitschaft zum politischen Terror gegen
Andersdenkende kann niemand tolerieren. Die Etablierung von
internationalen Gerichten und international legitimierter Polizeigewalt
zur Verfolgung von Verstößen gegen die Menschenrechte ist die einzig
mögliche Antwort auf den Terror, die nicht den Keim eines 3.
Weltkrieges in sich trägt. An diesem Maßstab müssen sich militärische
Aktionen der USA im Verein mit den europäischen Bündnispartnern der
NATO messen lassen.
Zur Politik des Ausgleichs, von der die aktuellen Bemühungen
- um ein Zuwanderungsgesetz, das diesen Namen verdient,
- um den Schuldenerlaß für die ärmsten Länder der Welt,
- um die Befriedung des heißgelaufenen nationalistisch motivierten Konfliktherdes Balkanregion,
- um die Befriedung des Nahen Ostens im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern
getragen sind, gibt es keine Alternative.
Sie
muß Vorrang haben vor der Abschottungsmentalität, die die Zementierung
eines Wohlstands- und Gerechtigkeitsgefälles im internationalen Maßstab
leichtfertig in Kauf nimmt.
Wir
fordern die Bundesregierung auf, in ihrer Politik des Ausgleichs und
der Befriedung nicht nachzulassen und die Chancen zur Neubestimmung der
internationalen Politik und der Globalisierung der Ökonomien im Sinne
einer gerechten Weltordnung zu nutzen.
![]() | | Als PDF-Datei herunterladen | | Wir leben in einer Welt
- die Menschenrechte sind unteilbar -
dafür müssen wir einstehen. |
